Wenn man über digitale Souveränität nachdenkt, kommen einem zunächst vermutlich Dinge wie Betriebssysteme, Office-Programme, Software, Cloud-Dienste oder Messenger in den Sinn. Zumindest ging es mir bisher so. Als ganz normaler Anwender denkt man darüber nach, welche Software man verwendet, wo die eigenen Daten liegen und welchen Anbietern man diese anvertraut.
Ein Artikel auf heise online hat mich allerdings etwas nachdenklich gestimmt. Darin geht es um die Abhängigkeit der europäischen Internetinfrastruktur von US-amerikanischen Unternehmen und um die Frage, wie weit der Einfluss amerikanischer Gesetzgebung tatsächlich reicht.
Besonders interessant fand ich dabei die Diskussion rund um die Abhängigkeit von zentralen Internetdiensten. Denn selbst grundlegende Dinge wie Domainregistrierung, DNS-Infrastruktur oder Zertifizierungsstellen sind keineswegs so unabhängig und geografisch neutral, wie man vielleicht annehmen würde.
Das hat mich dazu bewogen, einmal genauer hinzusehen. Nicht bei meinem Betriebssystem oder meinem E-Mail-Anbieter, sondern bei etwas, das ich bisher kaum hinterfragt hatte: meinen eigenen Domains.
Wo sind eigentlich die Domainendungen angesiedelt, die ich besitze? Wer verwaltet sie? Und welchen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen die dahinterstehenden Organisationen?
Die anschließende Bestandsaufnahme war durchaus aufschlussreich. Ich habe mich dazu entschlossen, sämtliche Domains mit einem US-amerikanischen Bezug aufzugeben. Übrig geblieben sind nun ausschließlich Domainendungen aus dem europäischen beziehungsweise österreichischen Umfeld: .eu und .at.
Damit ist meine kleine digitale Aufräumaktion vorerst abgeschlossen.
Natürlich ist mir bewusst, dass ich damit nicht plötzlich digital souverän bin. Auch eine europäische Domainendung garantiert nicht automatisch, dass sämtliche dahinterliegenden Dienste, Registrar-Strukturen, Nameserver oder Hosting-Anbieter europäisch sind. Digitale Abhängigkeiten sind komplexer, als es eine Domainendung vermuten lässt.
Aber es ist ein weiterer kleiner Schritt. Und vor allem einer, den ich bisher überhaupt nicht auf dem Radar hatte.
Vielleicht sollten wir digitale Souveränität nicht nur daran messen, welche Software wir verwenden oder wo wir unsere Dateien speichern. Sondern auch daran, wem wir die grundlegenden Bestandteile unserer digitalen Identität anvertrauen.
Manchmal beginnt ein bewussterer Umgang mit der eigenen digitalen Unabhängigkeit eben nicht beim nächsten Betriebssystemwechsel, sondern bei einer ziemlich unscheinbaren Domainendung.
Quelle:
heise online: RIPE-Mitglieder diskutieren über Abhängigkeit von US-Internetinfrastruktur